Zur Kirschblüte durch Japan

Reisebericht von: Dorothea Grading|18.04.2019|

Ich höre klack klack klack – ein Blick zurück. Ich sehe kurze Stakkatoschritte. Frauenschritte im engen Kimono und hölzernen Sandalen. Ich bin in Kyoto angekommen und traditionell japanisch gekleidete junge Frauen verschönern den Anblick alter Tempel, Schreine und des Stadtbildes. Die edlen, floralen Stoffe fangen meinen Blick jedes Mal ein und ich fühle mich in meinem bequemen Wanderoutfit etwas unwohl, aber dafür bin ich hier – eine Wander- und Kulturreise von Kyoto über die Kii-Halbinsel und Japanischen Alpen bis nach Tokio und in den nahe liegenden Nationalpark Fuji-Hakone.

Die ersten drei Tage der Reise verbringen wir in Kyoto, wo Tempelbesuche, der auf dem Berg gelegene Fushimi-Inari-Schrein und ästhetische Zen-Gärten auf dem Programm stehen. Die Wertschätzung gegenüber der Natur ist in den angelegten Gärten und Parks allgegenwärtig. Da werden Äste liebevoll mit Bambuskonstruktionen gestützt und Moose mit „nicht betreten“-Schildern beschützt. Die puristisch erscheinenden Steingärten empfinde ich als besonders persönliche Einladung der Seele des Landes und seiner Bewohner zu begegnen: Hier richtet jeder seinen Blick auf eine klare Formensprache und findet doch eine Antwort und Gedanken, die individueller nicht sein können.

Die Kii-Halbinsel präsentiert sich auf der malerischen Zugfahrt mit dicht bewachsenen Hügeln und kleinteiliger Landwirtschaft. Immer wieder blickt man auf kleine Buchten und die zerklüftete Küste des Pazifik. In der Gegend um die Hafenstadt Katsuura steht der heilige Pilgerweg Kumano Kodo im Zentrum unserer Entdeckungen. Die Wanderungen führen uns vorbei an Jahrhunderte alten Zedern, dem höchsten Wasserfall Japans, pittoresken Pagoden, heiligen Schreinanlagen und dem weltweit größten Torii. Das Picknick unterm blühenden Kirschbaum mit Blick auf das 34 Meter hohe Tor zählt eindeutig zu meinen schönsten Momenten der Reise.

Die interessante Stadterkundung in Kiso-Fukushima eröffnet einen authentischen Blick in die Geschichte des Ortes, der in der Vergangenheit wichtiger Checkpoint am alten Handelsweg auf halber Strecke zwischen Tokio und Kyoto war. Jeder Reisende, ob Priester, Musiker oder Gemüsehändler musste diese Kontrollstelle passieren. Einen wunderbaren Einblick gibt das liebevoll restaurierte Museum. Zum Abschluss tauchen wir unsere müden Füße ins 40°C warme öffentliche Fußbad mit Blick auf den rauschenden Kiso-Fluß. Was will man mehr, denke ich mir … Da hatte ich den traumhaften Ryokan noch nicht gesehen. Im geräumigen, lichtdurchfluteten Zimmer mit papierbespannten Schiebetüren und weichen Tatami-Matten am Boden bereite ich mir zunächst eine Tasse grünen Tee zu und genieße den Blick auf den Mt. Ontake, Japans zweitgrößten Vulkan, hinter dem gerade die Sonne untergeht. Beim Abendessen, das kunstvoll auf zahlreichen Tellern und Schüsseln arrangiert ist, wo frisches Kiso-Rind auf kleinen heißen Tischgrills gebraten wird und nebenbei das Gemüse im Stövchen gart, fragen wir uns, ob die Michelin-Sterne-Vergeber die ländlichen Regionen Japans vergessen haben zu besuchen. Das Onsen-Bad unter freiem Himmel ist ein krönender Abschluss des Tages.

Reisen wie einst die Samurai in der Edo-Periode: per pedes auf schmalen Pfaden, durch dichte Hinoki-Zypressen-Wälder und malerische Straßendörfer aus Holz, von checkpoint zu checkpoint – das ist Wandern auf dem Nakasendo. Heute fungieren die gut erhaltenen und liebevoll restaurierten Häuser als Souvenirläden mit guter Auswahl und kleine Cafés mit gemütlichem Ambiente. Beheizte und überraschenderweise extrem saubere Toiletten findet man auch auf dem Nakasendo in regelmäßigen Abständen.

Auf dem Weg ins Herz der japanischen Alpen, jene Bergkette, die sich von Nagano aus nach Südwesten über den Rücken der Hauptinsel Honshu zieht, liegt die charmante Stadt Matsumoto. In der original erhaltenen Burg mit imposanter Holzstruktur hat man das Stadtgebiet gut im Blick und fühlt sich zurückversetzt in die Zeit der Samurai. Die sind zwar nicht in dünnen Socken über das kalte Holz gelaufen, jedoch über dieselben steilen Holztreppen gegangen wie wir. Die kleine individuelle Entdeckungstour durch das lebhafte Städtchen führt mich vorbei an vielen interessanten Geschäften, die Porzellan- und Holzwaren, stylische Designerkleidung und funkelnden Schmuck verkaufen. Nach einer heißen Soba-Nudelsuppe, die hier besonders gut sein soll, finde ich endlich das gesuchte Café Marumo – ein stilvoll, antiker Coffeeshop mit leckerem Kaffee- und Kuchenangebot. Und Kaffee, ja darüber freut man sich im Land des Tees zuweilen tatsächlich.

1998 als Austragungsort der olympischen Winterspiele weltweit bekannt geworden, gilt Hakuba inmitten der japanischen Alpen gelegen, als Hochburg des Wintersports. Stilecht gab es am Morgen unserer Gipfelfahrt Neuschnee – eine tolle Sicht auf die Berge und die zerklüfteten Siedlungen im Tal hatten wir dennoch.

Bevor wir entlang des vor wenigen Tagen noch verschneiten alten Salzhandelswegs mit wildem Wasabi und dem giftigen Adonisröschen vertraut wurden, waren wir auf einem urigen Bauernhof eingeladen, um traditionelle „Mochi“ – kleine, bunte Reiskuchen zu formen. Der alte Salzhandelsweg führte uns dann über Bäche, durch Reisfelder, vorbei an kleinen Siedlungen, Tempeln, Schreinen und einem outdoor-Sumo-Ring. Spontan und angriffslustig fanden sich sofort zwei Reisegäste und der Ringkampf wurde eröffnet.

Der Hakone-Nationalpark hat mit seinen grünen Bergen, der Nähe zum Meer und vor allem dem Blick auf den Mt. Fuji einen ganz besonderen Charme. Die Anreise von Hakuba erfolgt mit Expressbus, Shinkansen und höchst beeindruckender Bergbahn, welche sich in Z-Kehren ihren Weg nach oben bahnt. Auf steilen Gassen in den bewaldeten Hang gebaut, genießt man vom Hotel aus fantastische Ausblicke, hinweg über blühende Kirschbäume und dampfende Onsen. Nur der Fuji… der zeigte uns hinter tief hängenden Wolken leider nur seine schneebedeckte Spitze.

Zum Abschluss in Tokio, der weltgrößten Metropole, bin ich überrascht, wie wenig man von diesem Fakt tatsächlich spürt. Der Verkehr erscheint entspannt, die Fußgänger im Fluß. Keiner hupt, hier und da kommt ein Fahrrad vorbei – ab und zu auch beladen mit einer Mutter und ihren zwei Kindern. Die Ampelphasen werden beachtet, so kommt es zunächst zu Menschenansammlungen, die sich bei grün geordnet in alle Richtungen über die Kreuzung entladen, denn alle Fußgänger haben gleichzeitig grün. Muß doch mal ein Krankenwagen durch, entschuldigt und bedankt sich der Fahrer über Lautsprecher.

Japan also – ein Reiseland, in dem man von dankbaren und freundlichen Menschen empfangen wird, wo man sich auf einen reibungslosen Ablauf verlassen kann und die traumhafte Landschaft, Kulinarik und Ästhetik einen in ihren Bann ziehen.

Dorothea Grading im April 2019

2019-07-10T14:04:00+01:00
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