Vom Abessinischen Hochland in die Wüste Danakil

Reisebericht von: Susanne Albinger|10.12.2018|

Addis Abeba

Etwas ehrfürchtig stehen wir vor der Vitrine, in der ein paar Knochen liegen: „Lucy“. Es war mir gar nicht so bewusst, dass meine Reise in das Land geht, in dem das berühmte Skelett gefunden wurde. Obwohl wir hier im Nationalmuseum von Addis Abeba nur die Kopie sehen (das Original wird irgendwo im Keller an einem sicheren Ort verwahrt), hat man doch das Gefühl ein wichtiges Bindeglied der Menschheitsgeschichte vor sich zu haben und bekommt einen ersten Eindruck, wie geschichtsträchtig dieses afrikanische Land ist.

Der Besuch im Nationalmuseum ist die letzte Etappe unserer Stadtrundfahrt durch Addis Abeba, die sich mit ihren zahlreichen Hochhäusern – in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung – als moderne Großstadt präsentiert. Mit den dazugehörigen verstopften, dreispurigen Straßen, durch die sich unser Bus zurück zum Hotel quält.

Es ist der erste Tag unserer Reise und nach einer Nacht im Flieger führte uns der erste Spaziergang gleich in ein kleines Lokal gegenüber dem Hotel, wo wir den berühmten äthiopischen Kaffee das erste Mal kosten konnten. In kleinen, bunten Tassen, die randvoll mit dem schwarzen Getränk waren, wurde er serviert. Dazu Popcorn und aus dem hinteren Teil des Lokals strömte der Geruch von Weihrauch zu uns herüber. Unverzichtbarer Bestandteil der „Coffee Ceremonie“. „Amasegenallu“, Danke auf Amharisch, zaubert ein Lächeln auf das ernste Gesicht der jungen Frau, die uns bedient.

Wüste Danakil

Lalibela

Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen, denn wir fliegen nach Lalibela zu den berühmten Felsenkirchen. Der Ort ist über mehrere Hochplateaus verteilt und unser Hotelzimmer bietet einen fantastischen Blick über die Ebene unter uns und auf die Geier, die direkt am Fenster vorbei segeln. Da fällt es fast schwer, sich wieder in den Bus zu setzen, um die eigentlichen Attraktionen zu besichtigen. Wir beginnen mit der größten der Felsenkirche, der Bete Medhane Alem, in der Nordgruppe, um am nächsten Nachmittag bei der berühmtesten, der St. Georgs-Kirche in der Ostgruppe, unsere Tour zu beenden.

Man kann natürlich einfach nur sagen: wir haben viele Kirchen gesehen. Aber das wird dem Labyrinth an Gängen, Tunneln und wackeligen Brücken, zwischen denen sich die Felskirchen verstecken, nicht gerecht. Jede Kirche ist für sich ein Unikat, hat eine andere Form und Größe und strahlt eine eigene Stimmung aus. Die aus dem rötlichen Felsen gehauenen Räume, deren Böden Schichten von Teppichen bedecken, sind unterschiedlich geschmückt mit bunten Tüchern oder Malereien, deren Farbe im Verlauf der Jahrhunderte verblasst sind. Ich muss gestehen, dass ich mir nicht alle Namen gemerkt habe und auch von den Erzählungen der englischen Guides ist nicht sehr viel in meinem Gedächtnis hängen geblieben.

In Erinnerung geblieben sind mir die unterschiedlichen Formen der Fenster, die großen, schweren Holztüren, die ernsten Gesichter der Priester, wenn sie mit einem Kreuz für die Fotos Modell standen, die Betenden in ihren weißen Gewändern, der Blick nach oben auf den schmalen Streifen Himmel, und natürlich unser „Schuh-Mann“, der in den zwei Tagen unsere Schuhe „bewacht“ hat, während wir auf Socken die Kirchen besuchten. Selten habe ich jemanden gesehen, der Schuhe so liebevoll in Reih und Glied aufgestellt hat und schon bald von jedem in unserer Gruppe wusste, welche Schuhe ihm gehören.

Am Abend liege ich im Bett, lasse die vielen Eindrücke noch mal vor meinem geistigen Auge vorüberziehen und bestaune den unendlichen Sternenhimmel, der sich durch die großen Fenster direkt über mir aufspannt.

Semien Gebirge

Mit Zwischenstopp in Gondar und Besichtigung der alten Kaiserstadt geht es über kurvige Straßen Richtung Semien Gebirge im Norden. Das Land scheint nur aus Bergen zu bestehen, unser Bus ächzt eine Serpentinenstraße nach der anderen hoch, nur um sich auf der anderen Seite wieder den nächsten Berg hinunterzustürzen.

Teilweise geht es über holprige Buckelpisten, weil die Straße noch in Bau ist, und dann wieder über ein glattes Asphaltband. Verkehr gibt es kaum, die größten Hindernisse sind Schafe, Ziegen, Kühe und Esel, die wie selbstverständlich mitten auf der Straße unterwegs sind. Die meisten dieser kleinen Herden werden von Kindern gehütet, die wohl nicht älter als 5 oder 6 Jahre sind. Oft winken sie unserem Bus zu oder halten die Hand auf in Erwartung kleiner Geschenke.

Auf den letzten Stunden der Fahrt wird die Sicht durch strömenden Regen getrübt und es sieht schon so aus, als ob die heutige Wanderung buchstäblich ins Wasser fällt. Doch kurz vor unserem Ziel scheint der Regen eine Pause einzulegen und als wir entlang des Kliffs mit Blick auf die Ebene unter uns wandern, kämpft sich die Abendsonne durch die Wolken und taucht die Landschaft in weiches Licht. Vor uns eröffnet sich ein Märchenland mit bizarren Felsformationen, zwischen denen die Wolken hängen, und kleinen Plateaus, auf die grüne Felder ihr Muster zeichnen. Die Bäume sind dicht mit Moos behangen und während wir durch das noch feuchte Gras streifen, umgibt uns der Duft der Thymian Bäume, die hier überall wachsen.

Ich weiß nicht, was ich zuerst fotografieren soll. Die Sonnenstrahlen und Wolken zaubern immer wieder andere Farben und Stimmungen auf die Landschaft und schließlich muss ich einfach stehen bleiben, um die Szenerie auf mich wirken zu lassen.

Kurz bevor wir unser Lager erreichen, begegnen wir einer weiteren Attraktion des Nationalparks: den Dscheladas oder Blutbrustpavianen. Eine Herde von ca. 30 Tieren sitzt gemütlich im hohen Gras und lässt sich durch unsere Anwesenheit nicht stören. Ein friedliches Bild im Abendlicht, das den Mähnen der eindrucksvollen Männchen einen goldenen Schimmer verleiht. Nur manchmal unterbricht aufgeregtes Geschrei die Ruhe, wenn es wohl Meinungsverschiedenheit in der Gruppe gibt.

Die nächsten fünf Nächte im Zelt auf über 3.000 Meter Höhe sind recht kühl, aber die Tage entschädigen uns mit Sonnenschein, immer wieder traumhaften Ausblicken und kitschigen Sonnenuntergängen. Die Dscheladas sind fast allgegenwärtig und ab und zu gesellt sich ein seltener Äthiopischer Wolf zu ihnen. In den Zeltlagern leisten uns die schwarz-weißen Erzraben Gesellschaft und immer wieder kommt ein Milan oder Adler vorbei.

Krönender Abschluss unserer Trekking-Tour ist der Aufstieg auf den 4.430 Meter hohen Bwahit, der uns mit einem traumhaften Rundumblick bei strahlendem Sonnenschein belohnt. Und als Draufgabe geben uns auch die Walia Steinböcke die Ehre.

Axum und Wukro

Dann geht es wieder zurück in die Zivilisation. In Axum erwarten uns die Stelen, imposante Steinsäulen, die Überreste von Grabmälern sind. Überhaupt scheint die Stadt nur aus Ausgrabungen zu bestehen: wir besuchen die Grabmäler von König Kaleb und seinem Sohn, die Überreste des Palastes von Dongur – gegenüber zwischen den Stelen grasen die Kühe und spielen die Kinder – und schließlich den Pool der Königin von Saba.

Am interessantesten finde ich aber den Besuch einer kleinen Bar, vor der ein Stück Stoff auf einem Stock anzeigt, dass es hier das selbstgebraute Bier gibt („Ausg’steckt is“ wie der Wiener sagen würde). Die Gäste in dem kleinen Innenhof scheinen erfreut über die kleine Abwechslung und unser Interesse an dieser einheimischen Spezialität, die Talla genannt wird. Jeder von uns bekommt einen weißen Blechbecher mit einem Löwen, in dem die milchig braune Flüssigkeit ausgeschenkt wird.

Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Wukro. Unterwegs besuchen wir zwei kleine Kirchen, Maryam und Daniel Korkor, die hoch oben zwischen den Sandsteinfelsen versteckt sind. Der Weg dorthin entpuppt sich als halbe Kletterpartie zwischen und über die Felsen. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Gläubigen auch diesen anstrengenden Weg auf sich nehmen müssen, wenn sie die Kirchen besuchen wollen. Die zweite Kirche erreicht man nur über einen kleinen Pfad entlang der Felswand. Eine unscheinbare Tür mitten im Fels markiert den Eingang in den kleinen, rechteckigen Raum, der in den Fels gehauen ist, verziert mit bunten Malereien.

Die Aussicht von dort oben über die endlose Ebene ist atemberaubend und man kann verstehen, dass man sich hier oben Gott ein kleines Stückchen näher fühlt.

Danakil

In Wukro beginnt nun der expeditionsartige Teil unserer Reise: wir steigen in vier Jeeps um und abwärts geht die Fahrt Richtung Danakil Senke. Wieder schlängeln sich die Serpentinen durch die Landschaft, die langsam karger und trockener wird, bis wir nur noch von kahlen Bergen aus Stein umgeben sind.

Beim Mittagessen, von unserem Koch für die nächsten Tage serviert, ist es schon recht heiß. Ein ziemlicher Kontrast zum kühleren Klima der Berge. Hier bekommen wir auch unsere lokale Genehmigung und drei Polizisten als Begleitschutz für die nächsten Tage, die sich mit ihren Gewehren noch zu uns in die Jeeps quetschen.

Das Nachtlager in der Wüste stellt dann meine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit doch etwas auf die Probe: es besteht aus einem wackeliges Bettgestellt direkt neben der Straße, umgeben von Plastikmüll. Etwas romantischer hatte ich mir die Zeltübernachtung in der Wüste schon vorgestellt.

Am nächsten Morgen geht es dann durch die Salzwüste Richtung Dallol. Für eine Wüste fahren wir durch überraschend viel Wasser und erfahren, dass vor ein paar Wochen hier noch ein See mit ein paar Metern Höhe zu finden war. Nun erstreckt sich rechts und links die weiße Fläche aus Salzkristallen.

Die Schwefelterrassen von Dallol erstrahlen in allen Gelb-, Grün- und Brauntönen, die man sich vorstellen kann. Es kocht und blubbert unter der Oberfläche und die Schwefelkristalle formen abstrakte Muster auf dem felsigen Boden. Immer wieder gibt es neue Konstellationen zu entdecken und man möchte – trotz der sengenden Hitze – Stunden hier verbringen.

Aufgrund des vielen Wassers in der Wüste – ja, auch das gibt es – müssen wir unsere Reiseroute kurzfristig ändern und übernachten in Abaela bei einer Familie, die in einem hübschen, ruhigen Innenhof Zimmer für uns hat.

Am nächsten Abend stehen wir am Kraterrand des Erta Ale, dem geheimen Höhepunkt unserer Reise. Die Bilder der roten Lava, die man im Internet findet, haben unsere Erwartungen hochgeschraubt. Nun schauen wir ungläubig in die Tiefe: nichts als schwarzer Rauch. Nicht einmal ein Lichtschimmer, nur Dunkelheit. Damit hat wohl niemand von uns gerechnet. Die Enttäuschung ist uns allen ins Gesicht geschrieben. Unser Guide bekommt uns fast nicht weg von der Kante des Vulkans. „Nur noch 10 Minuten“, die kleine Hoffnung, dass der dichte Qualm doch noch aufreißt und einen Blick auf den brodelnden See unter uns freigibt.

Schweigend gehen wir über die brüchigen Lava-Platten zurück zu unserem Nachtlager. Nur ab und zu ist ein Husten hinter der Atemmaske zu vernehmen, der schwefelige Rauch reizt den Hals.

Auch am nächsten Morgen hat sich der Rauch nicht verzogen und wir steigen enttäuscht wieder ins Tal ab.

Erst als wir zu Mittag einen kurzen Stopp machen, um im Afrera-Salzsee eine Runde zu schwimmen, bessert sich die Stimmung wieder etwas. Der See liegt wunderschön und erinnert mit seiner türkisen Farbe an die Karibik. Das warme Wasser bringt zwar keine Abkühlung, aber es tut gut, den Vulkanstaub von der verschwitzten Haut abzuwaschen. Das anschließende Bad in den warmen Quellen gleich daneben ist entspannend, lässt aber den Schweiß dann wieder fließen.

Awash NP

Nach einer Übernachtung in Logia erreichen wir am nächsten Nachmittag unseren Zeltplatz im Awash Nationalpark, der letzten Station auf dieser Reise. Unsere Zelte stehen schön unter Bäumen direkt am Fluss (in dem wir aber wegen der Krokodile nicht baden sollten). Wir sind die einzige Gruppe heute und es ist angenehm ruhig.

Bevor es dunkel wird, machen wir noch eine Runde durch die nähere Umgebung: Paviane und Meerkatzen beobachten uns neugierig. Auch ein paar weiße Ibisse und Tokos mit rotem Schnabel entdecken wir in den Bäumen. Das Abendessen mit Kerzenlicht bei angenehmen Temperaturen, begleitet vom Zirpen der Grillen, versöhnt wieder ein bisschen mit der Enttäuschung am Vulkan.

Als uns am nächsten Morgen ein plötzlich einsetzender Regenguss das Frühstück verregnet, werden wir kurzerhand zur nahen Lodge gefahren, wo wir mit tollem Blick auf den Awash Wasserfall doch noch ein Frühstück bekommen. Anschließend geht sich auch noch eine Pirschfahrt durch den Park aus und wir bekommen eine hübsche Oryx-Antilope zu Gesicht.

Dann geht es aber leider schon wieder in Richtung Addis Abeba. Die Zeit ist viel zu schnell vergangen, so viele Eindrücke, neue Erfahrungen über ein faszinierendes Land, das so viel mehr bietet als man sich daheim in Europa vorgestellt hat.

2019-07-08T14:32:31+01:00
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